Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. | Psalm 130,4
Der Beter dieses Bußpsalms kennt offenbar die Welt und was sie zusammenhält. Vor mehr als hundert Jahren konnte eine Berliner Zeitung noch leicht schmunzelnd titeln: "Die Allerhöchsten kommen, den Höchsten zu ehren." und meinten den deutschen Kaiser und seine Gemahlin, die eine neue Kirche einweihten. Damals konnte man wohl noch sicher sein, dass sie Gott wirklich ehrten. Würde und Anstand, selbst das Knien im Gottesdienst waren selbstverständlich.
Mit welcher Schamlosigkeit dagegen heute Staatsoberhäupter und große Unternehmen ihre Interessen durchsetzen, spricht eine andere Sprache. Man fürchtet rein gar nichts mehr außer einer Niederlage bei den nächsten Wahlen. Wie kurzsichtig! An uns allen wird sich in großem Maßstab "rächen", was wir unseren "Großen der Welt" gestatten zu tun und vieles davon im Kleinen daher auch geschehen lassen.
Gesellschaften kommen aus dem Gleichgewicht und die ausgebeutete, zerstörte, leergefischte und erwärmte Erde wird mit derselben physikalischen Gnadenlosigkeit sowie Arglosigkeit reagieren, mit der sie sonst ihre Früchte gibt, wie Sommer und Winter, Regen und Wind in globaler Balance zu allgemeinem Leben und Gedeihen verhelfen, ohne uns Menschen direkt damit zu meinen. Müssen wir erst da hindurch, um die von uns verursachten Störungen und Veränderungen der Welt zu fürchten? Das Pendel schwingt langsam, aber gewaltig zurück.
Vergebung als Entlastung und Wendung zum natürlichen Guten wird seine Zeit brauchen und uns einiges abverlangen. Die derzeitige Haltung der Akteure der Welt lässt nichts Gutes ahnen, also auch keine "Vergebung". Stattdessen wird immer ein anderer Schuldiger gesucht. Dabei hat Gott uns doch eine andere Rolle zugedacht, nämlich seine Welt zu pflegen und zu bewahren. Und es gibt so viele kleine gute Initiativen bei uns und anderswo - hoffentlich bekommen sie ihre Chance! Dafür bete ich. Sie auch?
Bleiben Sie behütet!
Kantor Martin Seimer